Volltextsuche über das Angebot:

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Home
Anzeige

Gesundheit & Pflege Tabuthema Scham in der Pflege

Waschen, Toilettengänge, Nacktheit: Jemanden zu pflegen bedeutet immer auch, an dessen und an eigene Intimgrenzen zu stoßen

Der Gang zum WC ist eine intime Angelegenheit. Pflegebedürftige sind oft auf Hilfe angewiesen. Das bringt sie selbst- und oft die pflegenden Personen an Grenzen. FOTO: SHAPROVALPHOTO1/FOTOLIA

Pflege geht wie kaum ein anderer Lebensbereich mit einem hohen Maß an Intimität, Verletzlichkeit und damit auch Scham einher. Nacktheit und Gebrechlichkeit, Unterstützung beim Toilettengang oder beim Schlafengehen – gerade älteren Menschen ist es oft zutiefst unangenehm, die intimsten Bereiche und Körperfunktionen den Blicken der Pflegenden auszusetzen. Pflegebedürftigkeit erschreckt auch deswegen viele Menschen, weil dabei solche Themen berührt werden.

Doch in der Pflege können diese Intimgrenzen nicht immer eingehalten werden, zum Beispiel, wenn jemand inkontinent ist. Inkontinenz ist ein äußerst sensibles Thema. Bis zu 40 Prozent der 60- bis 79-Jährigen leiden darunter, ihre Blase nicht kontrollieren zu können, sagt die Deutsche Kontinenz Gesellschaft. Dann ist von den Pflegenden besonderes Feingefühl gefordert, um den Gepflegten nicht zu verletzen. Gleichzeitig haben sie häufig mit eigenen Emotionen wie Scham oder sogar Ekel zu kämpfen.

„Pflegebedürftig zu sein, nicht immer selbstbestimmt handeln und entscheiden zu können und auf Hilfe angewiesen zu sein, kann Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins und letztlich der Scham auslösen. Gleichzeitig sind auch Angehörige mit eigenen Schamgefühlen konfrontiert. Solche Schamgefühle können verstärkt auftreten, wenn sich Rollen verändern oder umkehren, etwa wenn ein Sohn seine ältere Mutter pflegt oder eine pflegende Tochter ein belastetes Verhältnis zum pflegebedürftigen Vater hat“, sagt Prof. Dr. Stefan Görres, Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen.
„Pflegebedürftig und auf Hilfe angewiesen zu sein, kann Gefühle des Ausgeliefertseins und der Scham auslösen.“

Dr. Stefan Görres
Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen
Damit dies auf Dauer nicht zu einer schwerwiegenden Belastung für beide Seiten wird, an der die Pflege in den eigenen vier Wänden womöglich scheitert, hat der Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) den Praxis-Ratgeber „Umgang mit Scham“ entwickelt. Dieser vermittelt pflegenden Angehörigen fundiertes Wissen und praktische Tipps, damit sie mit ihren eigenen Schamgefühlen besser umgehen und gleichzeitig den Schamgefühlen bei ihren pflegebedürftigen Angehörigen vorbeugen können. Der Ratgeber kann gratis per E-Mail an bestellung@zqp.de bestellt oder als pdf unter www.zqp.de heruntergeladen werden.

Dem Heft kann man zum Beispiel entnehmen, dass es sinnvoll sein kann, bei der Körperpflege immer nur die Körperteile, die gerade gewaschen oder eingecremt werden müssen, zu entkleiden. So kann das peinliche Gefühl der Entblößung vermieden werden.

Man sollte dem Erkrankten während der Körperpflege erklären, was man als Nächstes tun wird und nachfragen, ob derjenige mit dem Vorgehen einverstanden ist, um Emotionen der Entmündigung von vornherein zu verhindern. Bleibt die Scham bestehen, schafft es möglicherweise Entlastung für beide Seiten, für die Körperpflege außerfamiliäre Hilfe wie professionelle Pflegedienste hinzuzuziehen.

Praktisch können auch Hilfsmittel sein, die die selbstständige Körperpflege erhalten oder erleichtern, zum Beispiel ein Duschhocker oder ein Badewannenlifter. Grundsätzlich gilt: Beschwichtigungen wie „Du brauchst dich nicht zu schämen“ oder „Stell dich nicht so an“ helfen nicht gegen das Beschämtsein. Besser sei es, den pflegebedürftigen Senioren durch Gespräche über Alltägliches abzulenken, so der Tenor des Ratgebers „Umgang mit der Scham“.

Auch in Bezug auf Demenz entstehen bei Angehörigen oft Schamgefühle. Manchem ist es unangenehm, wenn der Schützling sich nicht so verhält, wie Bekannte es von ihm vor der Demenz gewohnt waren oder es die Gesellschaft erwartet, schreibt das ZQP. Außenstehende frühzeitig und offen über die Erkrankung und über möglicherweise irritierendes Verhalten zu informieren, kann helfen.

Vielfach wird auch das Vorhandensein von sexuellen Bedürfnissen in Verbindung mit Pflegebedürftigkeit in einer häuslichen Pflegesituation zum schambesetzten Tabuthema. Wenngleich „Sexualität im Alter“ inzwischen auf den Lehrplänen der meisten Pflege-Ausbildungseinrichtungen steht, sind Angehörige in der häuslichen Pflege manchmal überfordert. Sie erschrecken darüber, die betagten eigenen Eltern als sexuelle Wesen zu erkennen und werden mit Situationen konfrontiert, in denen die kognitiv eingeschränkten Senioren verdecktes oder offenes sexuelles Verhalten zeigen. Aus Sicht der Alzheimer Gesellschaft könnte in solchen Fällen Supervision durch geschultes Personal ein wichtiges Angebot zur Selbstreflexion und zum Erarbeiten von Strategien im Umgang mit dem Senioren sein. Doch bei vielen Kostenträgern fehle noch immer die Einsicht in die Notwendigkeit solcher Angebote. Wege aus der Ratlosigkeit findet man eher auf den Webseiten einiger medizinisch-sozialer Dienste, etwa auf der Homepage von Pro Familia (www.profamilia.de) oder in der Ratgeberliteratur.

Ob Körperpflege, Inkontinenz oder Sexualität: Der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen, die die gleichen Erfahrungen mit Schamgrenzen machen, ist eine wichtige Stütze. Zu entsprechenden Selbsthilfegruppen zählen im Raum Lübeck etwa der „Gesprächskreis für pflegende Angehörige“ im Marien-Krankenhaus, das „Frühstück für pflegende Angehörige“ vom Pflegestützpunkt der Hansestadt Lübeck und viele mehr. jnp
www.zqp.de

www.profamilia.de
zurück zur Übersicht Gut betreut

Tipps & Tricks, Rezepte und kulinarischer Genuss: Alles rundum das Thema Essen & Trinken finden Sie hier. mehr