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10:55 19.02.2018
Solche etwa Streichholzschachtel-großen Neurostimulatoren werden in den Körper implantiert. Sie sind das Verbindungsglied zwischen Fernbedienung und Elektroden.
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck
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19.02.2018

Gesundheit & Pflege

Torben Hätti bezeichnet sich selbst als „Ärzte-Hopper“. Das ist ein etwas flapsiger Begriff für einen Menschen, dessen zumindest vorübergehende Hauptbeschäftigung der Besuch von Ärzten ist. Seine Krankenakte ist 300 Seiten dick. Der 29-Jährige hatte sich beim Sport vor knapp vier Jahren an der Leiste verletzt, bei der anschließenden Operation wurden die Nerven so unglücklich beschädigt, dass er permanent unter unerträglichen Schmerzen litt. „Ich bin unzählige Male untersucht worden“, sagt Hätti, der seit dem Unfall nicht arbeiten kann, „aber niemand hat feststellen können, woher genau die Schmerzen kommen.“

Jetzt liegt Torben Hätti in der Neurochirurgie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck und strahlt, als er auf ein kleines Gerät zeigt: „Hiermit sind die Schmerzen um einiges erträglicher geworden.“

Wirbelsäule mit implantierter Elektrode. Im unteren Bereich wurden die Wirbel versteift.
Wirbelsäule mit implantierter Elektrode. Im unteren Bereich wurden die Wirbel versteift.

Das Gerät, das Hätti in die Luft hält, ist die Fernbedienung für den Neurostimulator, den ihm die Lübecker Neurochirurgen im Rücken implantiert haben und mit dem er dem Schmerz elektrische Impulse entgegensetzen kann. „Das Wirkungsprinzip ist im Grunde ganz einfach“, sagt Privatdozent Dr. Dirk Rasche, Oberarzt in der Klinik für Neurochirurgie. „Schmerz wird mittels elektrischer Impulse über die Nervenbahnen ins Gehirn geleitet und dort wahrgenommen. Mit kleinen Elektroden, die wir nahe an die Nervenbahnen heranbringen, können wir diese Schmerzimpulse überlagern.“

Die Elektroden werden in der Regel in den Spinalkanal oder an der Wirbelsäule implantiert. Dort laufen alle Nervenbahnen des Torsos und der Gliedmaßen zusammen und gehen gebündelt wie auf einem Highway ins Gehirn.

Die Elektroden wirken wie eine Straßensperre. Zusammen mit den Elektroden wird ein Impulsgeber eingesetzt. Dieses etwa Streichholzschachtel-große Gerät sorgt für die Stromzufuhr und den Kontakt zur Fernbedienung, über die der Patient dann ganz individuell entscheiden kann, wie viel Strom er auf die Elektroden geben muss, um den Schmerz zu maskieren. Bei der neuesten Transmitter-Generation wie sie auch Toren Hätti bekommen hat, wird das über einen iPod gesteuert.

Über acht Kontakte kann der Strom an das Nervensystem gebracht werden. FOTOS: UKSH
Über acht Kontakte kann der Strom an das Nervensystem gebracht werden. FOTOS: UKSH

„Die Medizin betrachtet Schmerzen heute als eigenständige Krankheit“, erklärt Dr. Rasche. „Früher hat man im Extremfall Gliedmaßen amputiert oder Nerven bewusst durchtrennt, um Schmerzen zu stoppen. Doch die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend, der Phantomschmerz oft schlimmer als der eigentliche Schmerz.“

Bleibt als einzige Therapie die Verabreichung von Schmerzmitteln, doch die Nebenwirkungen sind bei chronischer Einnahme hoch. Davor hatte auch Torben Hätti Angst: „Ich wollte nicht für den Rest meines Lebens Tabletten schlucken.“ Sein Hausarzt hat ihm schließlich den Weg in die Neurochirurgie der Uniklinik empfohlen.

„Erstaunlicherweise ist die Therapie mit Neurostimulatoren relativ unbekannt“, sagt Rasche. „Sie könnte viel mehr Menschen mit chronischen Schmerzen helfen.“ Zurzeit werden in Deutschland pro Jahr nur etwa 2000 Patienten damit behandelt, 30 davon in Lübeck. Dr. Rasche sieht den Neurostimulator auch nicht nur als letzte Option bei der Behandlung von Schmerzpatienten, aber sie könne auch dann noch helfen, wenn alle anderen Therapieformen ausgereizt seien.

Torben Hätti zeigt den iPod, mit dem er den Neurostimulator steuert. Die Nutzeroberfläche ist vergleichbar mit der anderer Smartphone-Apps. Über sie kann er genau einstellen, wo die Schmerzen am stärksten sind. FOTOS: H. SCHÖTTELNDREIE
Torben Hätti zeigt den iPod, mit dem er den Neurostimulator steuert. Die Nutzeroberfläche ist vergleichbar mit der anderer Smartphone-Apps. Über sie kann er genau einstellen, wo die Schmerzen am stärksten sind. FOTOS: H. SCHÖTTELNDREIE

„Die Entscheidung für einen Neurostimulator ist keine Entscheidung fürs Leben“, sagt Rasche, „bevor ein solches Gerät fest eingesetzt wird, machen wir mit unseren Patienten immer eine Testphase. So kann jeder Betroffene seine eigenen Erfahrungen machen und sich dann für ein festes Implantat entscheiden. Manche Schmerzpatienten benötigen die Hilfe des Impulsgebers rund um die Uhr, andere nur phasenweise.“

Torben Hätti hat die Testphase in wischen beendet – und ist begeistert. Stolz zeigt er auf sein Schmerzprotokoll. „Bevor ich den Transmitter hatte, gingen die Werte auf einer Skala, die bei zehn endet, oft hoch bis acht. Jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal über die Zwei hinaus.“ In einer zweiten Operation wurde der Neurostimulator jetzt fest implantiert. Gesteuert wird er über Hättis iPod. Der junge Mann blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich glaube nicht, dass meine Krankenakte noch dicker wird. Das Ärzte-Hopper-Dasein hat ein Ende.“ Holger Schöttelndreier

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