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Home Sonderthemen Schatten auf dem Auge
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10:54 19.02.2018
Einblick ins menschliche Auge. Der dunkle Fleck in der Mitte ist ein uveales Melanom.                      FOTOS: UKSH
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck
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19.02.2018

Gesundheit & Pflege

Ein fremder Planet im schwarzen Universum. Kugelrund, in einem hellen Orange leuchtend und durchzogen von einem feinen, roten Flusssystem. Was auf dem Bildschirm von Prof. Dr. Salvatore Grisanti ein wenig an eine Einstiegsszene eines in einer fernen Galaxie spielenden Science Fiction erinnert, ist in Wirklichkeit das Wunderwerk des menschlichen Auges. Und der Grund, warum der Direktor der Klinik für Augenheilkunde des UKSH dieses Auge in Großaufnahme auf seinem Monitor zeigt, ist ein kleiner Schatten. Entfernt erinnert er an ein Hämatom. Tatsächlich ist es entweder ein harmloses Muttermal oder ein bösartiges Melanom. Aus diesem wird er gleich eine winzig kleine Probe nehmen, um anschließend in der Pathologie untersuchen zu lassen, ob es sich tatsächlich um ein bösartiges Geschwür handelt.

„Kaum jemand weiß, dass es Muttermale auch im Auge gibt“, erklärt der Wissenschaftler. „Das allein wäre nicht besonders besorgniserregend, aber genauso wie die ‚Verwandten’ auf der Haut können sie sich zu einem bösartigen Tumor entwickeln, dem Melanom. Es handelt sich dabei um genetisch bösartig veränderte Melanozyten, also Pigmentzellen.“ Im Auge können sie an verschiedenen Stellen entstehen, am häufigsten passiert das in der Aderhaut. Das ist der Teil des Auges, der zwischen der lichtempfindlichen Netzhaut und der das Auge umschließenden Lederhaut liegt. In der Medizin spricht man deswegen auch vom Aderhaut- oder uvealem Melanom.


"Kaum jemand weiß, dass es Muttermale auch im Auge gibt."

Prof. Dr. Salvatore Grisanti
Klinikdirektor Augenheilkunde


„Diese Tumore sind relativ selten, betreffen etwa acht von einer Million Menschen“, sagt Grisanti. Nur sehr wenige Kliniken in Deutschland haben eine fundierte Expertise für die häufigste Augen-Krebsart im Alter. Grisanti und sein Team in der Augenklinik auf dem Lübecker Campus haben im letzten Jahrzehnt das gesamte Spektrum der Therapie hier im Norden aufgebaut und sind für die wissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet international ausgezeichnet worden.

„Wie bei vielen Krebsarten auch, verursacht das uveale Melanom initial nur in den seltensten Fällen Beschwerden“, erklärt der Experte. „Das kann selbst dann passieren, wenn der Tumor schon fast ein Drittel des Augapfels ausfüllt.“ Gibt es doch Symptome, dann ist es häufig der Verlust von Sehkraft. Doch weil Aderhautmelanome praktisch immer nur einseitig auftreten, kann auch das übersehen werden, weil das andere Auge einfach die Arbeit des kranken Auges übernimmt.

„Uveale Melanome wachsen sehr langsam“, erklärt Grisanti und ergänzt: „Das macht sie aber nicht weniger gefährlich, denn sie können schon früh beginnen, Krebszellen in den Blutkreislauf abzugeben, sodass sich in anderen Organen Metastasen bilden, meistens in der Leber.“


"Man scheut sich zurecht, ein gut sehendes Auge zu operieren."

Prof. Dr. Salvatore Grisanti
Klinikdirektor Augenheilkunde


Die Diagnose ist in einem Drittel der Fälle ein Zufallsbefund, denn wer keine Beschwerden hat, geht in der Regel auch nicht zum Augenarzt. Grisanti empfiehlt spätestens ab dem 50. Lebensjahr jährliche Vorsorgeuntersuchungen, bei denen die Pupillen geweitet werden, sodass der gesamte Augenhintergrund nach auffälligen Veränderungen abgesucht werden kann. Gibt es einen Befund, erfolgt die weitere Diagnostik in einer Spezialklinik wie der des UKSH, Campus Lübeck. Nicht selten werden in den meisten Kliniken verdächtige Befunde über Jahre beobachtet. „Anders als bei veränderten Muttermalen auf der Haut, nimmt man nicht einfach eine Gewebeprobe aus dem Auge, um die Diagnose zu untermauern“, sagt der Klinikdirektor. „Technisch ist das zwar möglich, und wir machen das auch regelmäßig, wenn die Situation es verlangt, aber in den meisten Fällen scheut man sich zurecht, ein gut sehendes Auge zu operieren.“

Die Lübecker Augenspezialisten greifen deswegen auch auf eine relativ neue Methode in der Krebsmedizin zurück – die sogenannte Liquid Biopsy, übersetzt „Flüssigbiopsie“. Dabei wird im Blut des Patienten nach Tumor DNA oder ganzen Tumorzellen gesucht. „So haben wir eine weitere Möglichkeit, den Tumorzellen ab und zerstört sie. Doch das funktioniert nur, wenn das Melanom nicht zu groß ist, da sonst die Strahlendosis die Umgebung des Tumors zu sehr schädigen würde. Bei größeren Tumoren erfolgt die Bestrahlung mittels eines Linearbeschleunigers, der die Strahlenenergie von unterschiedlichen Seiten auf den Tumor konzentriert, um umgebendes Gewebe zu schonen. Bei großen Tumoren ist es jedoch aufgrund des Zerfalls nach der Bestrahlung notwendig, diese zusätzlich operativ zu entfernen.

Die Therapie und Kontrolle des primären Tumors ist meistens erfolgreich. Entscheiden für die Prognose ist, ob er bereits gestreut hat. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, mit der Liquid Biopsy diese Krebsart früher einzugrenzen und zu behandeln“, sagt Grisanti. „Anhand der isolierten Zellen im Blut wollen wir zudem neue Erkenntnisse zur Metastasierung gewinnen, die für die Therapie wichtig sind.“ Holger Schöttelndreier

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