Menü
Anmelden
Home Sonderthemen OP am virtuellen Torso
Anzeige
10:55 19.02.2018
Aussackungen und Verengungen – die häufigsten Krankheiten,mit denen Gefäßchirurgen täglich zu tun haben. FOTOS: HENRIE, PSDESIGN1/STOCK. ADOBE.COM
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck
Anzeige

19.02.2018

Gesundheit & Pflege

Vermummte Ärzte bei Eingriffen und Operationen, da kommt sofort die Assoziation Hygiene und Sterilität. Aber es gibt noch einen anderen Grund an den sicher nur die wenigsten Menschen außerhalb von Krankenhäusern sofort denken: Strahlenschutz. Radiologen, Kardiologen, Chirurgen und viele andere Ärzte werden täglich mit diesem Thema konfrontiert. Wenn zum Beispiel die Ärzte des Universitären Gefäßzentrums am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein minimalinvasive Eingriffe vornehmen, müssen sie immer wieder die Position der Katheter, Drähte und Gefäßstützen (Stents) genau bestimmen– und das geht derzeit nur mit Röntgenstrahlen. Die Ärzte tragen bei den Eingriffen deswegen nicht nur Bleischürzen, um sich vor der Strahlung zu schützen, sondern auch einen Schilddrüsenschutz sowie Brillen,Visiere und Kappen.

„Es gehört zur Realität vieler Ärzte, dass wir ständig einer gewissen Strahlenexposition ausgesetzt sind“, sagt Privatdozent Dr. Jan-Peter Goltz, Bereichsleiter Interventionelle Radiologie am Campus Lübeck des UKSH. „Die Patienten sind einmal betroffen, nämlich während des Eingriffs, aber die Ärzte und das übrige medizinische Fachpersonal arbeiten täglich in diesen Bereichen“, ergänzt Prof. Markus Kleemann, Leiter des Bereichs Gefäß- und endovaskuläre Chirurgie in der Klinik für Chirurgie. „Ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie man die Strahlenexposition minimieren oder sogar ganz vermeiden kann“, sagt der Gefäßchirurg, „aber es gibt einfach sehr viele technische Hürden. Erst jetzt stehen Technologien zur Verfügung, die es möglich erscheinen lassen, ernsthaft eine Alternative zu entwickeln.“ Dazu hat sich an der Universität zu Lübeck ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren formiert, um eine solche Lösung für die tägliche Routine zu etablieren. „Das Bundesministerium für Bildung und Forschung konnte von diesem Lösungsansatz überzeugt werden und bewilligte für das Konsortium eine Förderung in Höhe von 4,2 Millionen Euro“, sagt Prof. Floris Ernst aus dem Institut für Robotik. „Weltweit arbeiten etwa vier oder fünf Forschergruppen an einer Lösung des Problems, die genaue Position der endovaskulären Instrumente ohne den Einsatz von Röntgenstrahlen bestimmen zu können“, sagt Kleemann. „Aber wir hier auf dem Campus Lübeck gehören sicher zu denen, die sehr weit vorne mitspielen. Wir haben schon jetzt phantastische Fortschritte gemacht.“


"Wir haben jetzt schon phantastische Fortschritt gemacht."

Prof. Dr. Markus Kleemann
Bereichsleiter Gefäßchirurgie


Die Lübecker Wissenschaftler arbeiten an einem virtuellen Modell, das ähnlich wie Navigations-Apps in einem Smartphone funktioniert. Im Handy steckt ein GPS-Chip, der über die Kommunikation mit Satelliten verrät, wo genau sich das Handy befindet. Diese Information wird auf eine integrierte Landkarte projiziert. Kleemanns Landkarte ist ein virtueller Torso, der mit den Daten gefüttert wird, die vor dem Eingriff zum Beispiel im CT gemacht wurden.

„Ist die Technik ausgereift, kann sie theoretisch überall da zum Einsatz kommen, wo Ärzte heute schon minimalinvasiv und bildgesteuert arbeiten“, sagt Prof. Ernst. Gefäßmediziner, Kardiologen und interventionelle Radiologen kommen zum Beispiel immer dann zum Einsatz, wenn die Blutbahnen irgendwo im Körper Schwierigkeiten machen. Und fast immer sind es Arterien, um die sich unterschiedliche Spezialisten kümmern müssen, also die Gefäße, die das sauerstoffreiche Blut vom Herzen in den Körper transportieren. Ist diese Versorgung gestört, ist das fast grundsätzlich ein sehr ernstes medizinisches Problem. Gefäßerkrankungen sind in den Industrieländern die häufigste Todesursache.

„Durchblutungsstörungen entstehen meist durch Ablagerungen in den Gefäßen, die dadurch so eng werden, dass der Durchfluss zu gering wird, um eine ausreichende Versorgung mit Sauerstoff zu gewährleisten“, erklärt Kleemann. „Ablagerungen, die sich aber auch lösen und dann schnell zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen können.“

Akute Lebensgefahr droht aber auch, wenn Gefäße nicht verengt sondern krankhaft geweitet sind, sogenannte Aussackungen oder Aneurysmen. „Irgendwann kann die Gefäßwand dem Druck wie ein zu prall gefüllter Luftballon nicht mehr standhalten und platzt. Folge ist eine starke innere Blutung, und genau das wollen wir durch Implantation von Stents verhindern“,sagt der interventionelle Radiologe Privatdozent Dr. Jan-Peter Goltz.

Regelmäßige Vorsorge kannhelfen, solche Gefahrenherde im Körper rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Seit Januar 2018 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Männer über 65 Jahren. Werden dabei behandlungswürdige Probleme entdeckt, werden die Patienten in der interdisziplinären Fallkonferenz vorgestellt und ein abgestimmtes Therapiekonzept erstellt. Dafür wurde das Interdisziplinäre Gefäßzentrum im UKSH gegründet. In interdisziplinären Boards werden dort nicht nur die ganz schweren Fälle von Radiologen, Neurologen, Gefäßchirurgen, Herzchirurgen und Angiologen gemeinsam besprochen. Holger Schöttelndreier

5
/
26
Anzeige
Datenschutz