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Home Sonderthemen Mit Yoga gegen Krankheitserreger
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11:01 19.02.2018
Das Lernen für Prüfungen bedeutet für die meisten Druck und Stress. Unter diesem Einfluss kann das Immunsystem in die Knie gehen. FOTOS: AFRICA STUDIO, KATERYNA/FOTOLIA
LUST-Projekt
Seit dem Jahr 2011 werden von der AG Studierendengesundheit am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität zu Lübeck alle Studienanfänger im Rahmen des Lübeck University Students Trial (LUST) hinsichtlich der Frage „Was hält Studierende gesund?“ untersucht. Der Anteil derjenigen Studierenden, die während ihres Studiums Schlafstörungen entwickeln und an stressbedingten Erkrankungen, Burnout, Depression und insbesondere Essstörungen leiden, ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Das LUST-Projekt zielt darauf ab, kausale Wirkmechanismen zu ermitteln und die Effekte von Interventionen zu prüfen.
www.lust.uni-luebeck.de
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19.02.2018

Gesundheit & Pflege

Wochenlang hat sich Veronika auf die vier Klausuren vorbereitet. Doch einen Tag vor der ersten bekommt sie starke Hals- und Kopfschmerzen, abends stellt sich hohes Fieber ein, das auch am Morgen des Prüfungstages noch anhält. Die Teilnahme ist geplatzt. Mal wieder, denn Veronika erlebt dieses Phänomen nicht zum ersten Mal: Oft muss sie Klausuren und Prüfungen verschieben und nachholen, weil sie krank wird. Das setzt sie zusätzlich unter Druck.

Die Ärzte kennen das Phänomen. „Prüfungsstress ist eine von vielen psychologischen Stressquellen im Alltag“, sagt Dr. med. Thomas Kötter, Leiter der Arbeitsgruppe Studierendengesundheit am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck und Hausarzt in der Hansestadt. „Was diese Form von Stress ausmacht, ist eine Mischung von chronischen und akuten Stresselementen.“ Der Druck wird in der kraftraubenden Vorbereitungszeit aufgebaut, erlebt seinen Höhepunkt während der Aufregung unmittelbar vor und manchmal auch in der Prüfung bis zum oftmals langen Warten auf Ergebnisse.


"Prüfungsstress ist eine von vielen psychologischen Stressquellen im Alltag."

Dr. med. Thomas Kötter,
Leiter der Arbeitsgruppe Studierendengesundheit am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck und Hausarzt in der Hansestadt


Dass Prüfungsstress Einfluss auf das Immunsystem hat, beweisen viele Studien. So erklärt Dr. Annette Sommershof, Biologin an der Universität Konstanz, in einer ihrer letzten Untersuchungen, wie die Anzahl und Funktionalität von vor Krankheiten schützenden Immunzellen unter Stresseinfluss abnehme. „T-Lymphozyten, welche darauf spezialisiert sind, fremde Organismen oder kranke Zellen im Körper zu erkennen und abzutöten, scheinen besonders empfindlich auf diese Signale zu reagieren.“

Immunologen und Psychologen am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) haben ebenfalls die Effekte von Prüfungsstress auf das Immunsystem bei Studierenden untersucht – und zwar über acht Wochen bei 20 Studierenden. Die erste Untersuchung fand vor dem Lernstart statt, die zweite wurde vor dem Klausurtermin durchgeführt, die dritte und vierte standen unmittelbar vor, beziehungsweise nach der Prüfung sowie die fünfte eine Woche nach der Prüfungsphase an. Auch hier zeigen die Ergebnisse, dass sich die Anzahl der Immunzellen im Blut im Verlauf des Prüfungszeitraums verminderten.

Aber nicht nur die Anzahl der Immunzellen war vermindert. „Bis kurz vor Klausurstart stiegen die prozentualen Anteile der unreifen Zellen im Blut an, während die der reifen Zellen sanken“, sagt Studienautor Prof. Dr. Carsten Watzl, Leiter der Forschungsabteilung. Den Grund der Umverteilung konnten die Forschenden noch nicht klären. Klar ist jedoch, dass Viren und andere Erreger in dieser Situation ein leichtes Spiel haben.

Doch wie damit umgehen? Schließlich ist eine Stressreaktion eine normale Reaktion auf verschiedene Reize und Belastungen. Sie hat die Funktion, Energie zu mobilisieren, die Blutzirkulation im Gehirn zu steigern und die Aufmerksamkeit zu erhöhen – also alles, was man in Prüfungssituationen braucht. „Wir geben jungen Menschen, die an der Universität ein Studium beginnen, einen ,Werkzeugkoffer’ an die Hand, in dem sie die Instrumente finden, die sie bei zu großen Belastungen anwenden können“, sagt Dr. Kötter.

Und was ist das? „Entspannungsverfahren sind geeignet, (Dis-)Stress zu verringern oder abzubauen. Im anglo- amerikanischen Raum wurden vielversprechende Ansätze mit Formen der Achtsamkeitsmeditation beschrieben. In Deutschland werden dagegen häufiger die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (PME) oder das autogene Training angewendet. Wer beispielsweise regelmäßig Yoga macht, tut auch etwas für sein Immunsystem.“

Kötters Arbeitsgruppe Studierendengesundheit bietet ein Gruppentraining zur Verbesserung der Stressbewältigung bei Medizinstudierenden an, das von Spezialisten des Zentrums für integrative Psychiatrie an der Universität zu Lübeck mitentwickelt und von der Techniker Krankenkasse gefördert wird. Dass sich die Gesundheit von Medizinstudierenden während des Studiums nämlich deutlich verschlechtert, ist wiederholt in verschiedenen Ländern gezeigt worden. Neben Prüfungsstress sind es die hohen Studienanforderungen, Selektionsdruck, fehlende Teamarbeit, Wettbewerb und mangelnde Praxisorientierung sowie spezifische emotionale Belastungen, die die individuellen Ressourcen zur Stressbewältigung übersteigen können.

Diese Entwicklung gilt es nicht nur für Medizinstudenten zu vermeiden, denn von chronischem Stress weiß man, dass er Effekte auf den Stoffwechsel, das Immun- und kardiovaskuläre System hat, die Schlafregulierung, Lern-, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprozesse beeinträchtigt und zu dem gefürchteten Burnout und Depressionen führen kann. Carola Pieper

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