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Ausbildung & Beruf Lehrjahre sind keine Herrenjahre – oder doch?

Der Stellenwert von Auszubildenden hat sich in den vergangenen Jahren extrem gewandelt – Heute begegnen sich Betrieb und Azubi beinahe auf Augenhöhe

Früher begannen viele Auszubildende mit Hilfsjobs, heute gibt es oft schon am Anfang mehr Verantwortung.                    FOTOS: IMILLIAN, AUREMAR, ADAM12/FOTOLIA

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – mit diesem einführenden Hinweis am Premierentag begann früher so manche Lehre. Das spätere Tageswerk ließ häufig keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Aussage.

Im prädigitalen Zeitalter der 1970er Jahre etwa tippten angehende Bankkaufleute mittags die Börsenkurse auf der Schreibmaschine, sorgten durch Kaffeekochen für das leibliche Wohl ihrer Kollegen beziehungsweise Vorgesetzten und räumten bei Schneefall die Zuwege ihrer jeweiligen Geschäftsstelle. Auch kleinere Streiche waren keine Seltenheit. „Neue Lehrlinge mussten zum Einstand die ,Bilanzwaage’ oder die ,Hypotheken-Löschmaschine’ aus dem Keller holen.

Das war natürlich Blödsinn“, erinnert sich Ulf Dmuschewski. Der heutige Betriebsratsvorsitzende begann 1972 seine Ausbildung bei der Lübecker Sparkasse.

Um zu verstehen, wie sehr sich der Stellenwert von jungen Menschen im Betrieb gewandelt hat, genügt ein Blick in die Breite Straße. Seit Sommer vergangenen Jahres gibt es dort die sogenannte Sparkassen-Corner (kurz: S-Corner), in der Auszubildende unter dezenter Anleitung von ausgelernten Jungangestellten eigenständig beraten dürfen – etwa beim Abschluss eines Girokontos, aber auch in puncto Versicherungen sowie Klein- und Dispokrediten. So viel Eigenverantwortung wäre noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Der direkte Kundenkontakt blieb gestandenen Mitarbeitern vorbehalten. „Dann hieß es Tür zu, Thema durch“, sagt Ulf Dmuschewski.

Eine Übung in Demut war die Lehre auch im KFZ-Bereich. „Im ersten Lehrjahr haben die Lehrlinge vor allem kleinere Aufgaben und Hilfstätigkeiten übernommen. Wir haben täglich die Halle ausgefegt und an Ostern und Weihnachten sämtliche Fenster geputzt. Erst im zweiten Jahr durften wir mit den Gesellen arbeiten“, sagt Klaus Anuth. Der KFZ-Meister im Ruhestand hat seine Lehre in den späten 1960er-Jahren bei Kittner absolviert und erinnert sich an das vorherrschende strenge Regiment. „Für Fehler wurden wir gerügt und mussten zur Strafe am Sonnabend kommen, um die Sache auszubügeln. Man hatte gehörigen Respekt vor dem Meister.“

Auch weiterhin sind Lehrjahre keine Herrenjahre – allerdings begegnen sich Betrieb und Azubi heute fast schon auf Augenhöhe. Um die Motivation aufrecht zu erhalten und junge Leute längerfristig an sich zu binden, lassen sich Ausbildungsbetriebe einiges einfallen. Neben einer möglichst individuellen fachlichen Betreuung spielen auch sogenannte Wohlfühlfaktoren eine immer größere Rolle.

Dass sich Auszubildende und erfahrene Kollegen duzen ist längst keine Seltenheit mehr und der Kickertisch im Pausenraum ist für viele Firmen so selbstverständlich wie das alljährliche Azubitreffen oder kostenfreies Bio-Obst in der Kantine.

Die vielen Privilegien, die ein Auszubildender heute genießt, lassen sich durch eine allgemeine Liberalisierung der Gesellschaft und nicht zuletzt den grassierenden Fachkräftemangel erklären. Gerade in kleinen Betrieben kann es über die Zukunft entscheiden, ob man den Azubi bei Laune halten und zu einem produktiven Mitarbeiter formen kann. Das bedeutet für junge Leute viele Rechte und Freiheiten, vor allem aber die Pflicht, das erhaltene Vertrauen in Form guter Leistungen zurückzuzahlen. pa

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