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10:56 19.02.2018
Hightech im OP: Privat-Dozent Dr. Mario Kramer nach dem Einführen der Roboter-Arme in den Bauchraum. FOTO: UKSH
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck
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19.02.2018

Gesundheit & Pflege

Wie auf einer Playstation müssen Sie verschiedene Level durchlaufen“, sagt Prof. Dr. Axel Merseburger und macht eine kleine dramaturgische Pause. Denn eigentlich spricht der Klinikdirektor für Urologie am USKH, Campus Lübeck, gerade über da Vinci, das weltweit modernste System für Roboter-assistiertes Operieren und nicht über eine bei Kindern, Jugendlichen und jung gebliebenen Erwachsenen beliebte Spielkonsole. Doch der Vergleich hinkt überhaupt nicht, denn wenn Chirurgen sich für die innovative OP-Technik qualifizieren wollen, können sie das natürlich nicht am Menschen üben, aber sie müssen ihr neues Arbeitsgerät von der Pike auf kennenlernen. Und das hat durchaus Ähnlichkeiten mit einem Computerspiel: Es fängt leicht an und wird von Level zu Level immer schwieriger. Auch die ersten zehn Eingriffe am Menschen erfolgen erst an der Seite eines, wie Merseburger sich ausdrückt, „Fahrlehrers“, dem sogenannten Proktor, der selbst schon mehr als 1000 da-Vinci-Operationen gemacht hat.


"Die Niere als stark durchblutetes Organ verzeiht wenig Fehler."

Prof. Dr. Axel Merseburger
Klinikdirektor Urologie


Inzwischen haben die Chirurgen an der Uniklinik ihre Hausaufgaben gemacht und beherrschen das System. „Da Vinci wird jetzt regelmäßig in den Fachkliniken für Chirurgie, Urologie und Frauenheilkunde eingesetzt“, sagt Merseburger. „Die Ergebnisse sind extrem überzeugend. Mit bis zu 15-facher Vergrößerung und vier absolut zitterfreien Armen gelingen minimalinvasive Eingriffe mit einer nie gekannten Präzision. Es ist, als ob Sie als Operateur in den Patienten hineinkriechen können.“

Minimalinvasive Eingriffe – auch als „Schlüsselloch-Technik“ bekannt – sind aus der modernen Chirurgie nicht mehr wegzudenken. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Bei einer klassischen, offenen Nierenoperation müssen wir einen 20 Zentimeter langen Schnitt machen“, erklärt der Professor. „Das bedeutet nicht nur einen deutlich längeren postoperativen Heilungsprozess und Krankenhausaufenthalt, sondern ist unter Umständen in der Heilungsphase sehr schmerzhaft.“ Mit der Schlüsselloch-Technik, die in der Chirurgie des Bauchraums medizinisch korrekt Laparoskopie heißt, sind es nur einige ein bis zwei Zentimeter kleine Schnitte, durch die Kamera, Schere und Pinzette in den Körper geführt werden.

Das da-Vinci-System ist im Grunde „nur“ eine Weiterentwicklung der Laparoskopie. Aber eine Weiterentwicklung, die es in sich hat. „Feiner, genauer, präziser“, bringt Merseburger es auf den Punkt.„Große Studien belegen zum Beispiel, dass der Blutverlust bei Prostata- oder Nierenoperationen geringer ist als mit der herkömmlichen Schlüsselloch-Technik.“

Bedient wird das System mit Händen und Füßen: Prof. Dr. Axel Merseburger im „da-Vinci-Cockpit“. FOTO: UKSH
Bedient wird das System mit Händen und Füßen: Prof. Dr. Axel Merseburger im „da-Vinci-Cockpit“. FOTO: UKSH

25 Eingriffe haben die Urologen in der Uniklinik seit Sommer 2017 mit dem da-Vinci-System gemacht – und sind begeistert. Zum Einsatz kommt der Roboter-Assistent hauptsächlich bei Prostata Entfernungen, wenn der Tumor die Kapsel noch nicht verlassen hat, und Nierenteilresektionen, also wenn nur der von einem Tumor befallene Teil der Niere entfernt werden soll. Auch bei rekonstruktiven Eingriffen, dazu gehört etwa das Wiederannähen des Harnleiters, hat sich da Vinci bewährt. „Egal wie gut ein Chirurg ist, die Präzision der Roboter-Arme ist konkurrenzlos“, sagt Axel Merseburger. „Nirgendwo wird das so deutlich wie beim Nähen.“

Am häufigsten kommt der Roboter-Assistent in der Urologie bei Eingriffen an der Niere zum Einsatz. „Wir haben etwa 120 bis 150 Nierenoperationen pro Jahr“, sagt der Professor. „Da ist die Roboter-assistierte Operationsmethode für uns eine großartige Unterstützung, denn die Niere als stark durchblutetes Organ verzeiht wenig Fehler.“ Mittelfristig rechnet er mit 150 da-Vinci-Eingriffen pro Jahr–allein in seinem Zuständigkeitsbereich.

In Lübeck gibt es feste Tage, an denen die drei Fachbereiche den OP-Roboter nutzen können. Wobei die Bezeichnung Roboter irreführend sein kann, denn da Vinci macht nichts selbstständig, ist nur „Befehlsempfänger“.

Dennoch stößt auch der Roboter-Assistent manchmal an seine Grenzen: „Gerade an einer Uniklinik hat man auch schwierigere Fälle, in denen es unter Umständen schon vorher verschiedene Operationen gab, so dass das Gewebe so verwachsen ist, dass ein minimalinvasiver Eingriff nicht möglich ist“, so der Klinikdirektor.„Das kann man im Vorfeld nicht unbedingt erkennen.Deswegen klären wir unsere Patienten darüber auf, dass wir möglicher weise während der Operation doch auf einen klassischen offenen Eingriff umschwenken müssen. Das lässt sich manchmal einfach nicht vermeiden.“

Erst vor Kurzem gab es einen solchen Fall bei einer Nierenoperation. Der Patient schien geeignet für einen da-Vinci-Eingriff, doch die Niere war schon derart verwachsen, dass die Gefahr bestand, die gesunden Teile zu beschädigen. „In solchen Situationen kann auch ein Roboter-gestütztes System keine menschliche Hand ersetzen“, erklärt Merseburger.

Doch die Zukunft gehört da Vinci. Und sollte sich die Auslastung weiter so rasant entwickeln, muss perspektivisch auch ein zweites System an der Uniklinik in Erwägung gezogen werden. Axel Merseburger würde sich freuen, wenn sich dann auch noch mehr weibliche Kolleginnen für das System ausbilden lassen, denn: „Roboter-Chirurginnen haben wir bei uns in der Urologie leider noch viel zu wenig.“ Holger Schöttelndreier

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